Pfingstgottesdient zum Konzil von Nicäa
Predigt von Dekanin Bärbel Schäfer
Liebe Gemeinde! Im Mai bin ich mit einer Gruppe von PfarrerInnen und DiakonInnen nach Kalabrien und Sizilien gereist...

Christus Pantokrator in der Kathedrale von Monreale
„Gastfreundschaft an den Rändern des Mittelmeeres“ war das Thema; wir besuchten verschiedene Projekte zu Migration und Flucht. Kultur stand deswegen nicht im Mittelpunkt, aber ganz am Ende besuchten wir doch auch die Kathedrale in Monreale. Ich betrete den Kirchenraum. Unendlich hoch scheint er zu sein und an den Wänden und Decken glänzen goldene Mosaiken.
Ich lege den Kopf in den Nacken und staune. Gottes Werk, Gottes Wirken für diese Welt und in dieser Welt wird in unzähligen Bildgeschichten dargestellt. Von der Schöpfung, über den Weg mit dem Volk Israel. Die Geschichten des Lebens Jesu, von Geburt bis Tod, von Taufe bis Auferstehung finden Platz. Unser Blick wird in die Kuppel geführt, in der Jesus, der Christus, dargestellt ist. Seine erhobene Hand zeigt uns den Weltenherrscher Jesus Christus.
Wer diese Darstellung Christi sieht, spürt: Hier zeigt sich Gott! Der dreieine Gott. Hier macht er sich kenntlich! So wie ihn die Künstler damals gedeutet haben.
Ja: Räume, ihre Gestaltung, ihre Bilder – sie machen etwas kenntlich, bekennen etwas! Wie Worte!
Das ist vertraut: Mit Worten erzählen wir von unserem Glauben, machen wir kenntlich, was uns Gott bedeutet, wie wir seine Liebe und sein Heil für diese Welt und für uns Menschen beschreiben. Mit Worten bekennen wir! Ich kann das individuell machen, nur für mich. Ich kann es aber auch gemeinsam mit anderen machen!
Schauen wir auf die Geschichte des Christentums, stellen wir fest, dass schon sehr früh gemeinsame Bekenntnisse formuliert wurden. Sie wurden zunächst bei der Taufe gesprochen. Da hatten sie ihren Ort. Denn da sollte natürlich klar sein: Der Täufling, damals immer erwachsen, entscheidet sich, zu dieser Glaubensgemeinschaft dazugehören zu wollen! Und Menschen, die bereits diesen Gauben leben, stellen in knappen Worten das Grundgerüst dieses Glaubens vor.
Vor 1700 Jahren wurde in Nicäa, einer kleinen Stadt in der heutigen Türkei, ein Bekenntnis formuliert und in der Synode beschlossen. Das Nicänum. Es ist wenig bekannt, es wird, allerdings bereits ergänzt und verändert, an den sogenannten „hohen Feiertagen“ im Gottesdienst manchmal gesprochen.
Die Kirche war damals in einer anderen Situation als wir heute: Sie war noch jung und im Wachsen. Es wurde heftig und kontrovers theologisch diskutiert, v.a. die Rolle Jesu in der Trinität, also im Zusammenspiel von Gott, Sohn, Geist – war umstritten. Ist er ein vorbildlicher Mensch, ein Thora gläubiger Jude – oder ist er mehr?
Die Bischöfe merkten: „Wir brauchen eine gemeinsame Textgrundlage, um zu zeigen: Darauf verständigen wir uns! So bündeln wir die Fülle biblischer Glaubenszeugnisse!“ In der Frage der Rolle Jesu einigten sie sich darauf, dass Jesus „wahrer Gott“ ist – mehr als ein vorbildlicher Mensch! „Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott.“
Ich lese einen Abschnitt aus dem Text, den Sie auch in der Hand halten: „Wir glauben an den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes. Geboren aus dem Vater als Einziggeborener, das heißt aus dem Wesen des Vaters, Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott.“
Als „wahrer Gott“ ist er auch Quelle des Geistes! „Ich sende euch den Heiligen Geist!“ sagt Jesus an einigen Stellen in biblischen Texten. Er sagt es dann, wenn Menschen müde sind, verzagt, er sagt es nach seinem Tod als Auferstandener. „Ich verlasse euch, aber ihr bleibt nicht allein - ich sende euch den Geist! Dieser Geist hat Kraft, er bewirkt etwas, er heilt, er stärkt, er tröstet!“
Als „wahrer Gott“ ist er auch Quelle des Geistes! „Ich sende euch den Heiligen Geist!“ sagt Jesus an einigen Stellen in biblischen Texten. Er sagt es dann, wenn Menschen müde sind, verzagt, er sagt es nach seinem Tod als Auferstandener. „Ich verlasse euch, aber ihr bleibt nicht allein - ich sende euch den Geist! Dieser Geist hat Kraft, er bewirkt etwas, er heilt, er stärkt, er tröstet!“
Und da sind wir plötzlich beim heutigen Fest angelangt: beim Pfingstfest!
In der Lesung der Pfingstgeschichte wird erzählt, wie Menschen diese Geistausschüttung erlebt haben! Sie bekamen neuen Mut, sie haben einander verstanden, trotz unterschiedlicher Sprachen, und lösten sich so aus Angst und Einsamkeit.
Singen wir den ersten Vers des Liedes EG 136: „O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein. Verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein. Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippen an, dass jeglicher Getreuer den Herrn bekennen kann.“
Kehren wir zurück nach Sizilien, nach Monreale und ihrer Kathedrale. Die Mosaiken funkeln. Sie sind mir ein Zeichen für diese Strahlen des Geistes, der ausgeht von Jesus, dem Christus. Dem „wahren Gott vom wahren Gott“.
Es gibt Bilder, die kenntlich machen: So bekennen wir Gott!
Es gibt Worte, die kenntlich machen: So bekennen wir Gott.
Ich bin nachdenklich. Den dreieinen Gott in einer so prächtigen Machtgeste darzustellen, war den Menschen, die diese Kathedrale bauen ließen, wichtig. Es waren nicht nur Kirchenmänner, es waren politische Herrscher, die ihre Macht festigen wollten. Bei aller Schönheit der Architektur und der Bilder halte ich fest: Hier zeigt sich auch eine problematische Seite der kirchlichen Macht.
Ich verlasse die Kathedrale. Trete hinaus auf den Vorplatz, nach wenigen Schritten, ein paar Ecken und Plätze weiter liegt unter mir Palermo.
Ich schaue auf die Stadt. Ich zoome mich nah an sie heran. Immer näher, immer näher. Aus dem Gewimmel von Straßen und Häusern schält sich eine bestimmte Strasse heraus, Via Oreto, und dann ein Haus. Auf der Tür steht „Pellegrino della terra“. Vier Frauen arbeiten hier. Sie helfen geflüchteten Frauen, v.a. aus dem afrikanischen Kontinent, aus Menschenhandel, Sklaverei und Prostitution heraus. Sie helfen bei Behördengängen, vermitteln Kinderbetreuung, Rechtsbeistand. Arbeit. Sie stärken den Rücken, trösten, begegnen ihnen auf Augenhöhe. Dieses Haus und seine Arbeit wird unterstützt von der Waldenserkirche in Italien.
Die Frauen arbeiten zudem eng mit dem diakonischen Zentrum „La Noce“ zusammen. Ebenfalls von der Waldenserkirche. Bei meinem Blick auf Palermo, zoome ich auch diese Straße, Via la Noce, und die Einrichtung ganz nah heran. Ich erkenne den Kinderspielplatz, und wie fröhlich dort Kinder aller Hautfarben spielen. Sie lernen italienisch, wenn sie als Fremde in die Stadt gekommen sind. Auch hier gibt es Sozialberatung, Beratung bei psychischen Problemen, ...
Auch Taten können ein Bekenntnis sein!
Auf unserer Reise haben uns diese Projekte und noch andere tief bewegt und beeindruckt. Die Geduld, der Mut und die unbeirrbare Hoffnung, mit all diesen Aktivitäten das Leben von Geflüchteten, alten und jungen, Frauen und Männern, nachhaltig zu verändern. Sie aus Einsamkeit und Isolation herauszulösen. Mit ihnen Räume der Gemeinschaft zu schaffen. Da weht ein wahrhaft pfingstlicher Geist! Durch die Arbeit dieser Menschen werden Menschen getröstet, gestärkt, sie werden aufgerichtet, ein Weg der Heilung beginnt. Nicht Macht ist die Motivation der Menschen hier, die mit ihren Taten etwas bekennen. Sondern das unendliche Leid so vieler Menschen, die auf der Flucht sind. Auch Taten können ein Bekenntnis sein!!
Singen wir Vers 4 unsres Liedes! „Es gilt ein frei Geständnis/ in dieser unserer Zeit,/ein offenes Bekenntnis/bei allem Widerstreit,/trotz aller Feinde Toben,/ trotz allem Heidentum/ zu preisen und zu loben/ das Evangelium.“
Bekennen ist Stückwerk, liebe Pfingstgemeinde!
Schauen Sie auf den Text des ersten Nicänums. Zum heiligen Geist steht da nur ein Satz! „.. und an den Heiligen Geist“.
Alle Energie floss in die Deutung der Person Jesu Christi. Ein paar Jahrzehnte weiter wird dann auch die dritte Figur der Trinität ausgeführt. Das sehen Sie in der rechten Spalte: Der Heilige Geist, „der aus dem Vater hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn mitangebetet wird…“
Bekennen ist Stückwerk, liebe Gemeinde, immer im Fluß! In der Veränderung.
Bekennen geschieht in „dieser unserer Zeit“. Es ist kein abstraktes Festlegen von Wahrheiten, die für immer gelten. Bekennen bewährt sich im Leben von Kirche und Gemeinde. In den Herausforderungen der Gegenwart.
Ich stelle mir vor, dass auch in Gemeinden immer wieder darüber geredet wird: Was bedeutet uns dieser Glaube? Wie fassen wir ihn in Worte, wie kann ich dieses Bekenntnis mitbeten? Die Konfirmanden und Konfirmandinnen lernen das Apostolische Bekenntnis auswendig. Vielleicht kann zu dieser Diskussion über das Bekenntnis im Rahmen des Konfirmandenunterrichts auch offen eingeladen werden? Einmal im Jahr?
Ich kehre in den Dom zurück, lege wieder den Kopf in den Nacken, sehe wieder die Bilder. Nach wie vor weiß ich um das Thema Macht und ihr Missbrauch. Daneben bleibt mein Staunen, beeindruckt von der berückenden Darstellung: Wie groß und unfasslich ist Gottes Wirken in der Welt! Mit allen Formen der Kunst!
Ich weiß um so viele wunderbare, tapfere Initiativen, Glaube zu leben, Menschen zu mehr Lebenswürde zu verhelfen und staune: Wie groß und unfasslich ist Gottes Wirken in der Welt. Mit Worten und Taten!
Und wir wirken mit!! Wir sind wie die drei Bauarbeiter. Sie behauen Steine. Sie werden gefragt: „Was tut ihr da?“ „Sehen Sie das nicht? Ich behaue Steine!“, sagt der eine und schaut nicht mal auf. Der andere ergänzt: „Ich habe eine große Familie zu ernähren, ich muss Geld verdienen.“ Der dritte aber, der blickt hoch und sagt: „Ich baue einen Dom!“
Liebe Gemeinde, dass und wie wir unseren Glauben ausdrücken und leben – das ist und bleibt Stückwert! Aber wir können den Blick heben und erkennen: Wir bauen mit am Reich Gottes!
Am letzten Abend in Palermo, saßen wir auf einer Terrasse und trugen unsere Eindrücke zusammen. „Wir haben ganz viel Mut erlebt“, sagt ein Teilnehmer, „Mut und Leidenschaft. Und wir haben erlebt, dass Gutes entstehen kann, wenn Menschen aufeinander zugehen, eine Vision entwickeln! Und dann ihre Kräfte zusammenlegen und einfach mal anfangen.“ „Und wir haben viel Freude erlebt!“, wurde ergänzt. Denn: „Schmerz und Lachen sind Zwillingskinder jener Liebe, die ebenso leidenschaftlich und geduldig, ebenso kämpferisch und leidensfähig ist wie Jesus, wie Gott selbst.“ Amen.
Wir singen: „Du, Heilger Geist, bereite/ ein Pfingstfest nah und fern,/ mit deiner Kraft begleite/ das Zeugnis von dem Herrn. /O öffne du die Herzen/ der Welt und uns den Mund,/ dass wir in Freud und Schmerzen/ das Heil ihr machen kund.

